Kochen aus dem Bauch heraus - es geht auch ohne Rezept

Wer kennt es nicht, das gute alte Kochbuch, das noch zu Großmutters Zeiten zum unverzichtbaren Inventar in einer jeden Küche gehörte. Damals wurde mit großer Leidenschaft jedes beliebige Rezept aufgeschrieben, katalogisiert und gesammelt. Familienfeste wurden zu wahren Tauschbörsen für Kochanleitungen. Dicke Wälzer gefüllt mit handschriftlich verfassten Originalrezepten entstanden auf diese Weise. Später hatten dann die Fernsehköche Konjunktur. Zur besten Sendezeit brachten sie auf großer Bühne ihre Kochshows dem geneigten Publikum dar. Von der deftigen Hausmannskost bis zum erlesenen Leckerbissen für Gourmets, vom Vorsüppchen bis zum Nachtisch wurden da haarklein ganze Menüs gekocht. Und ganz nebenbei wurden natürlich die Rezepte unters Volk der Hobbyköche gebracht. Den professionellen Shows folgten die professionellen Bücher. Auf Hochglanz poliert, präsentierten sich die exotischsten Gerichte dem Betrachter. Kochanleitung natürlich inklusive, denn mit dem richtigen Rezept konnte schließlich jeder zum Sternekoch avancieren.
Doch neben diesen akkurat vorgeschriebenen Abläufen hat sich in den letzten Jahren eine andere Art des Kochens etabliert. Eine kleine Nische abseits dogmatischer Rezepte, perfekter Shows und glänzender Prospekte. Zunehmend mehr Menschen entdecken das Kochen aus dem Bauch heraus. Immer größer ist die Zahl derer, die die Auffassung vertreten, es gehe auch ohne striktes Kochrezept. Daraus muss sich nicht zwangsläufig ein Konflikt mit den handelsüblichen Kochbüchern ergeben. Schließlich wird auch der Starkoch Tim Mälzer in seinen Büchern nicht müde zu erwähnen, dass seine Lektüre lediglich als Anregung zum Selbstkochen und zum Ausprobieren ist. Kochbücher können gute Ideen liefern, sie können helfen, verschiedene Geschmacksrichtungen zusammenzuführen und den Sinn für ganz neue Kombinationen zu öffnen. Allerdings bleibt es der kulinarischen Kreativität und der Experimentierfreude des Einzelnen überlassen, die gewonnen Ideen und Inspirationen auch umzusetzen. Und schließlich geht es beim Kochen aus dem Bauch heraus genau darum - es geht ums Ausprobieren, ums Beschreiten neuer kulinarischer Wege.
Wer aus dem Bauch heraus kocht, ist oft aufs Improvisieren angewiesen. Natürlich sollten gewisse Voraussetzungen wie etwa Töpfe, Pfannen, Schneebesen und andere Küchenutensilien gegeben sein, bei exotischeren Küchenhelfern kann man jedoch mitunter auch auf Alternativen zurückgreifen. Auch ein Grundstock an Gewürzen, Kräutern und anderen Zutaten ist von Vorteil - etwa gekörnte Brühe, Salz und Pfeffer, Öl, Petersilie, Oregano, Zwiebeln und Knoblauch. So lassen sich den eigenen Kochversuchen verschiedene Geschmacksrichtungen geben. Für die meisten Menschen beginnt das Kochen ohne Rezept mit einer Bestandsaufnahme. Es wird geschaut, was der Kühlschrank eigentlich hergibt. Gern dürfen da wahllos Schnitzel und Naturjoghurt, Tomaten, Butter und Milch, Hähnchenbrustfilets, Käse und Speckstreifen herausgegriffen werden. Was hier wie ein Verlegenheitskochen aussieht, hat den Vorteil, dass auch kleinere Reste verwertet werden. Wer sein Hauptgericht gern herzhaft mag, sollte die süßen Zutaten für einen Nachtisch verwenden. Anderenfalls bieten sie einen reizvollen Kontrast zu sehr strengen Speisen und können durchaus mit Fleisch oder Geflügel kombiniert werden.
Das Kochen aus dem Bauch heraus hat die Eigenart, dass der Koch vor dem Ende meist noch nicht so genau weiß, wohin die geschmackliche Reise eigentlich geht. Dies ist ungefähr vergleichbar mit der Suche nach dem richtigen Partner. Daher ist es ratsam, einmal öfter das Essen abzuschmecken und gegebenenfalls nachzuwürzen. Mit dem Salz sollte man natürlich etwas sparsamer sein, da ein Fehlgriff später schwerer auszubügeln ist. Wenn im Bratensatz, im Ragout oder im Pfannengericht der rechte Pfiff noch nicht gefunden ist, können kleine Geschmacksgeber zu Hilfe genommen werden. Das können Senf und Tomatenmark ebenso sein wie etwa Weine, Marmeladen oder Spirituosen. Auch mit den verschiedensten Kräutern lässt sich wunderbar Geschmack in die eigene Kreation bringen.
Natürlich birgt das Kochen ohne Rezept die Gefahr, dass ein Gericht mal daneben geht. Davon sollte man sich nicht entmutigen lassen. Manche Speise lässt sich durchaus noch retten. Aus einem zähen Schnitzel wird ein herrliches Geschnetzeltes gezaubert und ein misslungener Braten kann der Auftakt zu einem wundervollen Ragout sein. Schließlich sind der eigenen Kreativität beim Kochen keine Grenzen gesetzt.